|
 
Das mittelalterliche Wipptaler Städtchen Sterzing war schon immer eng mit dem Gastgewerbe verbunden. Und dies noch mehr, seitdem die Brennerstraße durch die Stadt führte. Bis 1363 (in diesem Jahr kam Tirol zu Habsburg) verlief die Straße außerhalb der Stadt und zwar am Westhang zwischen Tschöfs und Thuins. Herzog Rudolf IV gestattete in diesem Jahr, "das die strass die da herausserhalb der stat ze Sterzingen gewesen ist, sol fürpas gen (=gehen) durch die stat Sterzing und nindert anderswo". 
Nun lief der ganze Brennerverkehr durch das Fuggerstädtchen, und zahlreiche Wirtshäuser entstanden in der Folge im Bereich der Stadtgemeinde. Sie wurden teilweise von den Besitzern, aber auch von Pächtern geführt. Letztere kamen aus der Gruppe der Inwohner, die im Gegensatz zu den Bürgern keinen Anteil an der Stadtverwaltung und Stadtwahl hatten, aber steuer- und wehrpflichtig waren. Sie mußten jedem Verpflegung und Beherbergung zukommen lassen, durften aber keine Buschen als Ausschankzeichen ausstecken. Es gab verschiedene Einkehrstätten, Herbergen, Fuhrmannsgasthäuser und vornehme Gasthöfe, dann auch Trinkstuben, Schwemmen (einfache Lokale) und Tavernen, in denen Wein und Branntwein ausgeschenkt wurden. Für Sterzing gibt der Historiker Hans Kramer eine Reihe alter Gasthöfe an, die weit in die Vergangenheit zurückreichen und teilweise noch geöffnet haben oder schon lange aufgelöst sind. So finden wir einen "Schwarzen Adler", "Goldenen Adler", die "Weiße Lilie", "die "Flamme", die "Alte Post" (Kleewein), "Weißes Rössl", "Goldene Krone", "Goldenes Kreuz", "Lamm", "Sonne", "Mondschein" und "Mader", um nur einige zu nennen. Die Stadt hatte, so der zitierte Tiroler Historiker, 20 bis 30 Wirtshäuser, im Jahre 1584 waren es z. B. bereits 26.
Im Rahmen der "Historischen Gaststätten im Wipptal" wollen wir ihnen einen traditionsreichen Gasthof Sterzings vorstellen: den Gasthof "Schwarzer Adler", heute ein "Vier Sterne Hotel". Der Sachbearbeiter dieser Reihe möchte dabei Herrn Prof. Dr. Karl Eller und der Familie Mühlsteiger für die wertvolle Mithilfe danken:
Nach den Recherchen von Karl Eller sind schon im 13. Jahrhundert Sterzinger Weinkäufer in Bozen aufgetreten, also muß es schon damals im Wipptaler Hauptort Wein- und Branntweinausschank gegeben haben. Am oberen Stadtplatz finden wir im Schatten des Zwölferturms an exponierter Stelle um diese Zeit eine viergeteilte Hausanlage, aus der der Gasthof "Schwarzer Adler" entstadt. In der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts stand schon der Zentralbau, und um 1540 erhob sich gegenüber dem alten Rathaus der Doppelbau, welcher noch heute den Gasthof prägt. Auch gibt es aus dieser Zeit die erste Hausbeschreibung. 1622 kauften die Besitzer das "Brakenhäusl" im Norden und 1711 das "Gostnerhäusl" im Süden dazu, und daraus entstand der heutige Gebäudekomplex. Offiziell geht die Rede von einem Gasthaus um die Mitte des 16. Jahrhunderts, es ist aber sicher, daß schon lange vorher die Besitzer das Gastgewerbe ausübten. Dann dürfte bis ins 20. Jahrhundert am Hause nicht mehr viel verändert oder umgebaut worden sein, zu dem Stallungen und eine Metzgerei gehörten. Die Modernisierung des Gasthofes bis zum heutigen Tag blieb der Familie Mühlstiger vorbehalten.
In der Besitzerreihe treffen wir im 15. Jahrhundert auf einen Örtl Zymermann im Zentralbau, er war auch Zimmermann und Rohrbohrer, auf dieses Handwerk weisen die alten Zunftzeichen hin. Ein Tragbalken in der heutigen Stube trägt die Jahreszahl 1498. Ihm folgte sein Sohn Andrè Zymermann (1481), der auch im Bergbau tätig war und zu Reichtum und Ansehen gelangte. Der nächste Besitzer war ein Stefan Kerner (Karner), er ist deshalb erwähnenswert, da er im Jahre 1534 den berühmten Naturarzt Theophrastus Bombastus Paracelsus von Hohenheim (1493 - 1541) in sein Haus aufnahm. Dieser Homöopath hat dem Stadtrat von Sterzing eine Schrift gegen die Pest gewidmet, er soll dafür aber nicht ausreichend belohnt worden sein, sodaß er nach Meran weiterzog.
Ab 1562 saß bis 1729 die Gastwirtefamilie Steyrer auf dem Gasthof, nachher treffen wir als Besitzer Johann Martin Schueler, der auch Spitalmeister war. Heute noch ist der Name "beim Schueler" im Volksmund gebräuchlich. Dann erwarb Johann Nagele, Sohn des "Weißen Rößl" - Wirtes aus Gries am Brenner das Gastaus, der zugleich auch die "Krone" in Sterzing und den "Gasthof Stafler" in Mauls besaß. Ihm folgte als Erbin seine Tochter Elisabeth Nagele, die 1790 Karl Stötter ehelichte. Deren Tochter Anna Stötter, verheiratete Riess, erbte den Besitz 1867, der in der Folge abgewirtschaftet wurde und unter den Hammer kam. Durch eine Versteigerung ging er 1888 an die Herren Scheiber und Schwarz über. Die Familie Scheiber überließ das Haus gleich nach Ankauf Matthias Schwarz, der bald hernach verstarb. Seine Witwe Maria Schwarz heiratete in zweiter Ehe 1903 Peter Mühlsteiger, dieser kaufte gleich nach dem Ersten Weltkrieg dem rechtmäigen Erben Josef Schwarz, der nach Innsbruck verzog, den Gasthof ab, und seitdem befindet er sich im Besitz der Familie Mühlsteiger.
Lassen wir nun aber Frau Anna Mühlsteiger geb. Wechselberger erzählen. Die betagte Frau erinnert sich gerne an jene Zeiten, die längst vorbei sind. "Nichts war mehr im Haus", sagt sie als Ihre Schwiegereltern Gasthof, Bauernschaft und Metzgerei übernahmen. Peter Mühlsteiger mußte die alten verschacherten Zunftzeichen der Zimmerer und Rohrbohrer, die er oberhalb Tschöfs aufspürte, zurückkaufen. Einzig eine schwarze Madonnentafel, deren Herkunft unbekannt ist, hing im Gasthaus. Die Landwirtschaft hatte nur für acht bis zehn Stück Vieh Futter. Zwei Pferde und eine Schweinezucht gehörten dazu.
Im Gasthof lief der Betrieb während dem Ersten Weltkrieges und auch in der Zwischenkriegszeit so recht und schlecht. Schwiegermutter Maria hatte viel zu tun, da ihr Mann im Krieg war. Das Gasthaus verfügte damals nur über elf Zimmer mit 20 bis 23 Betten. Die Gäste kamen zuerst aus Deutschland und Österreich-Ungarn, dann aus Italien. Der Fremdenverkehr war noch nicht bedeutend, und so mußte man um die Bürger- und Bauernkundschaft aus Sterzing und Umgebung froh sein. Schön und unterhaltsam waren um diese Zeit die Stammtischrunden in der Mühlsteiger-Stube- Mutter Amma erzählt, um nur einige zu nennen, vom alten Herrn Dr. Domanig, den Herrn Dr. Kofler, Gschwenter und Strickner, die da am Vormittag ein halbes Würstl, auch Einspanner mit Soße genannt, oder ein Geheimnis (= kleines Gulasch) mit einem Achtel Wein zu sich nahmen und sich abends ebenfalls bei einem Glasl Wein angeregt, aber dezent unterhielten. Am "Unsinnigen Donnerstag" gab es jährlich eine Knödelpartie. Die Schwiegermutter kochte Leber-, Blut- und Weißknödel. Dann gab es vor und nach der Osterwoche das sogenannte "Österliche Gehen". Nach dem Ablaßbeten kamen die Bürger mit ihren Frauen zu einem Aufschnitt oder Kaffee und Kuchen ins Gasthaus.
Dann spricht Frau Mühlsteiger vor der Schwemme zur ebenen Erde. Von diesem kleinen Lokal, wo man den Bauern eine "Saure Suppe" und ein "Schnapsl" servierte, wurde ihre Mutter, die Kellnerin war, weggeheiratet, schmunzelt sie, un ich bin in dieses Haus zurückgekehrt. Die Schwemme war zuerst dort, wo sich heute das Lederwarengeschäft Fink befindet und wurde 1936/37 in den ehemaligen Speckkeller verlegt, von dort fürhte eine sogenannte Schneckenstiege in das Obergeschoß. 1938 schuf in der Schwemme auf Anraten des Schwagers Seibold der Künstler Ablert Stolz das Bild "Die Sterzinger Moos-Jungfrauen". Im Jahr 1943 starb Peter Mühlsteiger, und sein Sohn Hans übernahm mit Frau Anna, die er 1933 heiratete, das väterliche Erbe. Hans Mühlsteiger fürhte Bauernschaft und Meztgerei, letztere besteht seit 1898, weiter, trieb mit Bauern, vor allem aus Ratschings, Ridnaun und Mareit, einen regen Viehhandel und beschäftigte mehrere Knechte, Mägde, Senner, einen Rosser und zwei bis drei Metzgerburschen in seinem Betrieb. Im Gasthof ließ er 1949 die Stube täfeln und begann 1958 mit dem großen Umbau. Hier entstand der erste Speisesaal, wo dann die Invalidenbälle von Sterzing einigemale stattfanden.
Während des Zweiten Weltkrieges wurden im Hause Soldaten verpflegt, die auch ein gutes Glas Wein bekamen. Nach dem Einmarsch der Wehrmacht im Herbst 1943 nahmen im Gasthof Offiziere Quartier, ein damaliger Leutnant Wölken kommt heute aus Innsbruck noch oft auf Besuch. Während der Bombardierungen gegen Ende des Zweiten Weltkrieges bleib Sterzing weitgehend verschont, nur einmal mußte Vater Hans in der Nacht ein von Bombern abgeworfenes Lichterbäumchen, das auf dem Dach des Hauses gelandet war, geistesgegenwärig abwerfen, sonst wurde der Gasthof nie von größeren Katastrophen betroffen.
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde im Haus immer gebaut und etwas verändert, die Metzgerei, die sich in der aufgelassenen Imbißstube befand, wurde an die heutige Stelle verlegt.
Nach dem Tode von Hans Mühlstiger im Juni 1970 wurde die Bauernschaft aufgelassen, Sohn Karl bekam das Hotel, Sohn Peppi die Metzgerei und Sohn Hans das "Fugger-Hotel". Tochter Maria lebt derzeit in Wattens. Karl Mühlsteiger schuf 1976 den Hotelzubau (Dependance), vergrößerte 1984 den Speisesaal und bemühte sich in den letzten Jahren sehr, dem Hause eine immer bessere Wohnqualität zu geben. Er hat ein modernes Vier Sterne Hotel geschaffen, das heute dem internationalen Gast 65 Betten in schönen Wohnsuiten und Zimmern mit "Liftsmaleireien" bietet.
Das an der Südseite des Hauses, wo sich die Margarethenstraße öffnet, befindliche "Marterle" (= Gedenkbildstock), erinnert an einem Blitzschlag im Jahre 1636, der den Gasthof traf, aber keinen Brandschaden verursachte. Die einst dort gewesenen Heiligenfiguren, wie z. B. der hl. Kassian un der hl. Johannes wurden vor Jahren gestohen, das Kreuz brachte man hinauf ins Haus, und so steht das Marterle heute leer an seiner Stelle. (Günther Ennemoser)
|
 |